Am 23. April heute früh 6 Uhr hat such der Bauführer

am kgl. Burgbau zu Hohenschw. Herr Herold, durch einen

Schuß ins Herz das Leben genommen. Derselbe litt an

Geisteszerrüttung und liegt in Waltenhofen begraben. 

         Aus der Chronik des Schwangauer Dorflehrers Alois Left, 1875

 

Es schien, als habe sich die Nacht wie ein pechschwarzer Umhang um seinen Körper gelegt. Hier oben auf dem Gerüst war es so finster, dass er wie ein Blinder nach dem Handlauf tasten musste, um nicht den Halt zu verlieren. Herold fühlte sich der Dunkelheit beinahe hilflos ausgeliefert. 

Plötzlich stieß er mit dem Schienbein gegen etwas Hartes. 

"Verfl..!", stieß er hervor und presste augenblicklich die Lippen fest aufeinander, um den restlichen Fluch zu unterdrücken. Seine Verfolger durften ihn auf keinen Fall hören. Das musste eine achtlos abgestellte Werkzeugkiste oder etwas Ähnliches gewesen sein, wogegen er da gestoßen war und was ihn ins Straucheln gebracht hatte. Auf dieser Seite der Baustelle würde er mindestens hundert Fuß tief in die Schlucht stürzen. Die Angst, ins schwarze Nichts zu fallen, traf ihn unvermittelt wie ein Magenschwinger. Ihm stockte der Atem. Er taumelte nach vorne. Sein Herzschlag setzte aus, als er ins Leere griff. Dann prallte seine Hüfte brutal gegen einen der Holzriegel des Gerüstes. Herold verlor das Gleichgewicht, kippte, riss die Arme nach vorne. Sein Herz raste. Hart knallte seine rechte Hand gegen rohes Holz. Der Handlauf! Herold griff zu, klammerte sich mit beiden Händen daran fest. Der Schmerz, der in seinen ...